Vor ungefähr einer Woche konntet Ihr hier über unseren ersten Hilfstransport in die Ukraine lesen, und ein zweiter rollte da schon durch Polen …
Der Bus war von der ersten Tour noch gar nicht richtig gereinigt, da stand für die Verantwortlichen bereits fest: das darf und wird keine Eintagsfliege bleiben. Neben dem großartigen Enthusiasmus unserer Busfahrer Simone und Knut Becker für eine zweite Fahrt fehlte es auch nicht an den notwendigen Spendengeldern, erbracht von unseren Holy Bulls Mitgliedern und verschiedenen Sponsoren – insbesondere dem Hundekindergarten in der Wodanstraße – sowie der Aktion #RasenBallHilft und etlichen Privatpersonen. Allen Unterstützern, die diese Aktion erst möglich gemacht haben, sei von dieser Stelle aus ein riesengroßes Dankeschön gesagt.

Am 8. April 2022 werden in einer Gemeinschaftsaktion von unseren Busfahrern und einigen HB-Mitgliedern Lebensmittel, Hygieneartikel, Tiernahrung und sonstige benötigte Waren in den Bus geladen. Er ist wieder pickepackevoll und startet so am 9. April 2022 Richtung Lublin, wo der Haus der Hoffnung e.V. die Güter zur passgenauen Verteilung in der Ukraine in Empfang nimmt.
Unser Mitglied und Verantwortlicher für diese Hilfsaktion, André Knoblau, ist auch diesmal federführend in der Organisation, aber an Bord ersetzt ihn beim zweiten Hilfstransport unsere Leiterin des BusTeams HB, Nicolle Sämisch. Ihr und den Busfahrern zur Seite steht Diethard Rudert, dessen Russischkenntnisse auf der Tour unerlässlich sein und die Verständigung ungemein vereinfachen werden. Der Kontakt zu Diethard, einem langjährigen Mitarbeiter u.a. im kasachischen Landwirtschaftsministerium, ergab sich über einen RBL-Fan, der am 2. April bei der Auswärtsfahrt nach Dortmund mit im HB Bus reiste.
Von Anfang an war vollkommen klar, dass auf der Rückreise alle verfügbaren Plätze im Bus mit Flüchtenden besetzt werden. Es gab im Vorfeld die konkrete Anfrage, eine vierköpfige Familie mit nach Leipzig zu nehmen, deren eines Mitglied, die 14-jährige Lena, unbedingt einen neuen Herzschrittmacher benötigt. (Brandaktuell und Anlass zu Freude und Erleichterung: Nach einer Untersuchung im Herzzentrum am 14.4., ist die OP nun für den 16. Mai 2022 anberaumt.) Über Freunde unseres Busfahrerehepaares findet sich für die Familie eine Privatunterkunft in der Nähe von Eilenburg. Steffen Rudolf und Roswitha Feustel zögern keine Sekunde und richten mit viel Liebe eine Wohnung für die vier Ukrainer ein.

Um 4 Uhr des 9. April geht es los.
Nicolle Sämisch fasst ihre Eindrücke nach der Rückkehr in folgenden Worten zusammen: „Unser Busfahrer-Team Simone und Knut Becker empfangen Diethard und mich bei sich daheim. Wir fahren ausgeruht und pünktlich los.
So eine Fahrt eignet sich auch gut, sich kennen zu lernen, und so ist Diethard ganz schnell Teil des Ganzen.
Ich kontaktiere gegen Mittag Johannes vom Haus der Hoffnung e.V. und sage Bescheid, dass wir am Nachmittag eintreffen. Er fragt kurz ab, was wir an Bord haben, wünscht uns eine gute Fahrt und sagt mir: „Ihr werdet erwartet.“
Und genau so ist es auch. Zwei Helfer stehen bei Ankunft schon bereit und haben in Windeseile mit uns den Bus entladen. Viele Hände, schnelles Ende.
Wir setzen unsere Fahrt fort und Knut sagt uns, dass wir diesmal nicht im Bus übernachten. Über einen Bekannten unserer Busfahrer entstand schon im Vorfeld der Kontakt zu Axel Meß. Er selbst ist in einer privaten Initiative ebenfalls unterwegs in einer gleichen Mission. Er bietet kurzerhand an, uns vier gemeinsam mit seinen Helfern in einem Hotelzimmer unterzubringen und bei der Registrierung im Auffanglager zu helfen. Axel Meß, so stellt sich schnell raus, ist ebenfalls RB Fan, er hat seine Aktion gemeinsam mit Marko Kretschmer und in Zusammenarbeit mit hilfe@dermarienkaefer.de auf die Beine gestellt. Sie bringen Ihre Hilfsgüter in Kleinbussen nach Polen und bringen ebenfalls Flüchtende nach Leipzig. Sie haben durch die Hilfe von Knut und Simone viel Geld für die Maut gespart. So hilft man sich gegenseitig.
Am frühen Abend parken wir den Bus an unserem Hotel und treffen die Gruppe. Ein Teil von uns fährt noch in das Lager, in dem wir am nächsten Tag die Flüchtenden aufnehmen.
Dort lernen wir Oleg kennen. Oleg wird quasi über Nacht dafür sorgen, dass am nächsten Morgen alles vorbereitet ist, die Registrierung schnell und unkompliziert geht und wir mit 42 Personen, überwiegend Frauen und Kindern, wieder in Richtung Leipzig starten.
Wir waren an diesem Abend super versorgt, hatten gute Gespräche, haben gut und sicher geschlafen und on top gab es auch noch ein Frühstück.

Am 10.04.2022 um 7:30 Uhr pünktlich rollt der Bus an die Grenze ins Auffanglager. Die geplante Wartezeit mit Kaffee am Bus entfällt, weil Oleg alles vorbereitet hat. Innerhalb von Minuten stehen viele verunsicherte Menschen vor unserem Bus. Diethard versucht zu beruhigen und kurze Anweisungen zu geben.
Ich bekomme die Aufgabe, zumindest eine kurze Ausweiskontrolle durchzuführen. Dabei fällt mir ein Pass aus Aserbaidschan auf. Etwas unsicher hinterfragen wir das nochmal, dabei erfahren wir, dass zu der älteren Frau ein junges Paar gehört. Ich nehme an, es sind die Enkel, beide mit ukrainischer Staatsbürgerschaft. Ihr Plan war, mit uns nach Leipzig zu fahren und dann nach Baku zu fliegen. Es stellt sich schnell die Frage, ob wir das leisten können, die Verantwortung übernehmen können. Wir kommen zu dem Schluss, dass das nicht geht. Verständig und ohne großes Aufsehen verlassen die drei den Bus wieder, denn die jungen Leute wollen ihre Oma nicht allein zurücklassen. Das tut weh und es fließen ein paar Tränen. Aber wir schicken sie natürlich nicht fort, ohne sie auf die Busse ins viel näher gelegene Warschau aufmerksam zu machen, und empfehlen dorthin zu fahren, um von da aus nach Baku zu fliegen.
Die Situation dort an dem Auffanglager war unwahrscheinlich dynamisch, es kommt schnell Eile auf, alle wollen schnell in den Bus, alle haben Angst, keinen Platz mehr zu bekommen. Ein weiterer Stolperstein tritt auf – eine Familie mit Hund möchte in den Bus, auch hier ist klar, das geht nicht, denn Tiere dürfen in dem Zwischenlager in Leipzig auch nicht aufgenommen werden. Quarantäne-Regeln würden greifen.
Und dann große Freude, eine Frau ruft: Simone?… Simone? Natasha, zu der bereits im Vorhinein über den Ukrainischen Verein in Leipzig ein Kontakt hergestellt worden war und die sich mit ihrer Familie am Treffpunkt am Auffanglager einfinden sollte, hat uns gefunden, die Familie, die wir später bei der Familie in der Nähe von Eilenburg unterbringen. Zu Natasha gehören ihre zwei Töchter und ihr Enkel Nikita. Der Bus setzt sich in Bewegung und ganz kurz ist einfach Stille im Bus.
Diethard stellt sich vor und uns als die „swjatye byki“, die Holy Bulls. Sein Name scheint Schwierigkeiten zu machen, nach ein paar Lachern wird klar, dass auch Dieter nicht geht und so bekommt Diethard einen neuen Namen, von jetzt an rufen alle, wenn er gebraucht wird, nach Dima.
Den Menschen ist anzumerken, dass sie schon eine Weile unterwegs sind. Wir entscheiden nach einer kurzen Fahrtzeit, schon eine Obst- und Trinkpause zu machen. Wir können beobachten, dass Mütter Essen für Ihre Kinder hamstern, wir unterbinden das auf freundliche Weise, denn das wird nicht nötig sein. Glücklich über einen warmen Tee oder Kaffee entstehen die ersten zaghaften Gespräche. Eine Frau bietet mir während der gesamten Fahrt immer wieder Ihre Hilfe an, sie will sich nützlich machen. Wir sagen ihr, sie soll sich ausruhen und etwas Kraft sammeln. Sie wird unseren Konvoi bereits in Dresden verlassen, denn dort hat sie schon Verwandtschaft. Ein großer kräftiger Mann lernt ganz schnell auf Deutsch mit uns „bitte“ und „danke“ zu sagen, „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“. Das Laufen fällt ihm schwer. Er wird weiterreisen nach Berlin und später nach Wuppertal.
Eine Frau mit acht Kindern ist sichtlich überfordert. Das kleinste ihrer Kinder ist gerade ein paar Monate alt. Sie fragt immer wieder nach, wohin wir fahren. Sie wird sich später gegen eine Aufnahme in Leipzig entscheiden, ihren Kindern nach der ohnehin schon langen Reise keine Mahlzeit und keine Nacht im Lager in Mockau ermöglichen. Und das, obwohl Dima alles ganz genau und auch mehrmals erklärt.
Die Pausen, die wir auf unserer Fahrt machen, sind immer kurz und unsere Passagiere verhalten sich extrem diszipliniert. Alle steigen aus, gehen zur Toilette, trinken und essen was und gehen auf dem schnellsten Weg wieder an ihren Platz im Bus. Angst und Unsicherheit sind spürbar. Bei jeder Gelegenheit wird sich bedankt, wir wissen am Ende gar nicht genau für was, denn aus unserer Sicht tun wir nicht viel. Es ist nicht in Worte zu fassen.

Wir bitten André, der diesmal zu Hause bleiben musste, uns in Mockau anzukündigen. 37 Personen, darunter 13 Kinder von 0-14 Jahre. Wir kommen um 20:00 Uhr an und werden empfangen, weil man auf uns wartet. Alles steht bereit, sogar ein Übersetzer ist da. Simone parkt den Bus und ein junger Mann stürmt mit Sack und Pack an mir vorbei. Ich halte ihn fest und bitte ihn sich zu setzen, bis der Bus steht. Ich begreife erst später, dass Verwandtschaft auf ihn wartet, auf Ihn, seine Mutter und seine Oma. Er zittert und atmet schwer. Ich beruhige ihn und verspreche, er darf als erster aussteigen.
Bis auf die Mutter mit den acht Kindern, die aufgebracht die Forderung stellt, wir sollen sie zum Bahnhof bringen, und dem großen Mann, der ohnehin weiterreisen will, steigen alle dankbar und viel ruhiger in Mockau aus, als sie eingestiegen sind. Ich bleibe im Bus und winke, denn ich möchte niemanden unter Tränen verabschieden.
Dass man nach elf Stunden das Gefühl hat, jemanden bereits wieder „loslassen“ zu müssen, ist auch für mich völlig neu.
Wir machen uns auf den Weg in Richtung Eilenburg, Natasha erzählt uns, dass sie und ihre Familie zu Fuß zwei Tage aus Charkiw gekommen sind, nur mit den Sachen, die sie an sich haben, und zwei Tüten gefüllt mit Essen. Ihre Schwiegermutter und ihr Mann sind geblieben, um das Haus zu schützen.
Natasha wird samt Familie sehr herzlich empfangen. Bis 18 Uhr haben Steffen, Roswitha und eine ganze Reihe weiterer Helfer die Wohnung hergerichtet. Eine komplette, fertige Wohnung. Der Kühlschrank ist voll und für die ersten Tage ist alles da, was die vier brauchen. Natasha weint vor Glück.
Ich habe während meiner Erzählungen hier immer wieder Nikita vor Augen, Natashas Enkel. Wann immer wir aussteigen, kämpft er. Ein freundliches kleines Kerlchen, was offensichtlich so wie auch Lena, Natashas jüngere Tochter, viel Zuneigung erfährt. Aber er kämpft. Ununterbrochen. Ich frage mich, gegen wen er kämpft. Ich hoffe, er kämpft Kinderheldenkämpfe.“

Wir denken an die zahllosen Kinder in der Ukraine, ihre Mütter und Väter, Großeltern und Freunde, die noch auf Hilfe warten.
Wir danken denen von Herzen, die zwei Fahrten mit allem Drum und Dran (auch der abschließenden Reinigung des Busses) – und trotz einiger Unwägbarkeiten – unterstützt, organisiert, durchgeführt und für sich verarbeitet haben; die ihre Freizeit in den Dienst einer unglaublich wertvollen Sache gestellt haben, der wertvollsten, die ein Mensch einem anderen tun kann – sein Leben und seine Unversehrtheit zu bewahren.

Ulrike Schmidt,
Holy Bulls, 14.04.2022

Autor


Ron_Chitis

Ron_Chitis

philanthropischer Misanthrop mit einer gewissen Neigung zum einzig wahren Rasenballsport

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